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Editorial zur Sonderausstellung "Zur Krippe her kommet"

Vom 24.11.2021 bis 02.02.2022 fand die Sonderausstellung "Zur Krippe her kommet" im Museum Wasserburg statt.

Das nachfolgende Editorial stellt hierzu Informationen zusammen und macht die Ausstellung auch für all jene zugänglich, die pandemiebedingt nicht ins Museum kommen konnten.

Die Ausstellung

Erfahren Sie im Video des RFO alles Wissenswerte zur Ausstellung und ihrem Konzept durch ein Interview mit Museumsleiterin Sonja Fehler. Darüber hinaus erhalten Sie einen Einblick in die schönsten Krippen der Schau. Zum Video

Der Kulturjournalist Heinrich Bruns hat ebenfalls einen Podcast zur Ausstellung veröffentlicht, der vor allem auf die Hintergründe zur Ausstellung eingeht. Zum Podcast

Krippen bauen

Krippenbauer aus Altötting, dem Chiemgau und Wasserburg offenbaren in der Ausstellung ihr Können und den Umgang mit aktuellen und historischen Materialien.

Doch was treibt die Krippenbauer an, sich immer und immer wieder aufs Neue mit dem Geschehen der Heiligen Nacht auseinander zu setzen?

Krippen bauen: kreativ-handwerklich, schöpferisch und meditativ

Szenen ausdenken, sie durch handwerkliches Geschick in die Realität umsetzen, Feinheiten ausgestalten, mit Aufbauten und Licht eine Atmosphäre erzeugen und schließlich den Figuren Leben einhauchen – das alles kann der Krippenbau. Doch da ist noch mehr:

„Unsere Tätigkeit, das Krippenbauen, braucht […] ein Innenleben. Eine nur „gebastelte“ Krippe bleibt seelenlos und besitzt nicht den Atem, der unser Inneres erwärmt. Demnach wirkt – zum Unterschied vom Bastler – der Krippenbauer schöpferisch.“ (Georg Spiegler, 1967)

Die Krippe ist kein saisonaler Dekorationsartikel, sondern eine traditionsreiche, religiöse Kunstform. Ihr Bau sowie das Aufstellen zur Weihnachtszeit sind kulturhistorische Bräuche, die auch im 21. Jahrhundert in vielen christlichen Familien gelebt werden. Die Beschäftigung mit Krippen ist auch immer eine Beschäftigung mit der Heilsgeschichte. So wird die Arbeit an und mit der Krippe zur Meditation.

Heute tragen Krippenvereine dazu bei, diese schöne Tradition lebendig zu halten. Die Krippenfreunde Altötting e.V. sowie der Verein für Krippen und religiöse Volkskunst Inn-Salzach e.V. sind wichtige Partner dieser Ausstellung. Sie unterstützen die Schau maßgeblich durch ihre Leihgaben und ihr Fachwissen.

Erfahren Sie unter diesen Links mehr über die Arbeit der Vereine:

Verein für Krippen und religiöse Volkskunst Inn-Salzach e.V.

Krippenfreunde Altötting e.V.

Das Material aus dem die Krippen sind

Sie zeigen alle dieselbe Szene und sehen doch unterschiedlich aus: Krippen sind vielfältig, wie die Materialien, aus denen sie bestehen und wie die Menschen, die sie bauen. Durch immer neue und verschiedenen Materialien entwickelte sich auch die Kunst des Krippenbaus über die Jahrhunderte weiter.

Von der einfachen Brettkrippe zur orientalischen Großkrippe

Über die Jahrhunderte kamen immer wieder neue Baustoffe, neue Werkzeuge, neue Techniken auf und eröffneten dem Krippenbau neue und ihrer Zeit entsprechende gestalterische Möglichkeiten.

Die Papierkrippen haben ihren Ursprung in den barocken Bretterkrippen. In dieser Zeit erfreute sich das Theater großer Beliebtheit und Fresken- sowie Bühnenmaler fertigten für den Adel farbige, ausdruckstarke Krippenfiguren und gestaffelte Kulissen. Gedruckte, handkolorierte Bilderbögen machten die Papierkrippe auch für das Kleinbürgertum erschwinglich. Heute sammeln vor allem Kinder durch vorgedruckte Ausschneidebögen erste Erfahrungen im Krippenbau.

Eigenständige, lokale Entwicklungen, die von einer breiteren Bevölkerung getragen wurden, sind erst nach etwa 1750 zu beobachten. Besonders im Alpenraum entstanden geschnitzte Figuren aus Holz, die auch verkauft wurden.

In den süddeutschen Städten formten Wachszieher und Lebzelter ab dem 18. Jahrhundert kleine Köpfe und Hände aus Wachs. Diese konnten an Körpern aus Holz und Draht angebracht werden, welche bekleidet wurden. Textlilien spielen, ob genäht oder kaschiert, häufig eine Rolle im Krippenbau. Die Kleidung der Figuren orientierte sich lange an dem, was die Menschen aus ihrem näheren Umfeld kannten. Erst im 19. Jahrhundert kam das Bestreben auf, die biblischen Themen auch im Heiligen Land zu verorten und dementsprechend die Landschaft, die Bauwerke und auch die Kleidung anzupassen.

Beheimatet sind die Figuren in kleinen Landschaften und Kulissen, die mit Naturmaterialien versehen sind. Hier kommen beispielsweise Moos, Korkeichenrinde, Wurzeln oder Zweige zum Einsatz. Meist werden mehrere Materialien miteinander kombiniert. Und manchmal tauchen auch besondere Komponenten auf.

Vielfalt der Krippen und Materialien

Der erste Weg durch die Ausstellung offenbart die Vielfalt der Krippen und ihrer Materialien. Jeder Blick eröffnet eine neue Perspektive auf das Geschehen der Heiligen Nacht und offenbart den künstlerischen Reichtum des Krippenbaus. Das Editorial stellt hier einige Krippen beispielhaft vor.

Krippe mit Egli-Figuren

Die Krippe ist einfühlsam gestaltet. Josef legt seinen Arm um Maria, beide haben nur Augen für das neugeborene Jesuskind. Über ihnen schwebt der Engel. Von rechts ziehen die prächtig gekleideten Heiligen Drei Könige heran, von links das Volk. Hier sind es vor allem die Kinder, die es nah zur Krippe hinzieht und die für das Neugeborene musizieren. Für sie ist diese Krippe auch in erster Linie gemacht.
Egli-Figuren sind Erzählfiguren zur Darstellung und zum Erzählen biblischer Geschichten. Sie werden bei Bibelarbeit, Unterricht, Seelsorge oder Ausstellungen genutzt, um die Geschichten der Bibel anschaulich und begreifbar zu machen. Die Figuren haben kein Gesicht, um sie von ihrem Ausdruck her nicht festzulegen, Gefühle und Absichten werden durch Körpersprache ausgedrückt. Im Inneren werden sie durch zwei Drahtschlingen stabilisiert und formbar gemacht. Bleischuhe verleihen Ihnen Standfestigkeit. Die Materialien für die Figuren können zentral bezogen, die Tiere aus Echthaar erworben werden.
Leihgabe: Krippenfreunde Altötting e.V.

Geburt Christi

Die Krippe gleicht in ihrer Komposition einem barocken Gemälde. Das Geschehen der Heiligen Nacht ist in die Ruine einer Kapellennische verlegt. Im Zentrum der Betrachtung steht das neugeborene Kind, das aufmerksam die Vertreter der Hirten und des Volks empfängt während von rechts die Könige heranziehen und ihm eine Krone zu Füßen legen und ihre Gaben bringen. Es wird von Maria und Josef beschirmt. Über ihm schwebt der Chor der Engel. Blumen und Rosenzweige deuten das Motiv der Madonna im Rosenhag an. Die Komposition ist in ihrer Dichtigkeit und Symbolkraft einzigartig. Sie ist sowohl lebendig und ausdrucksstark als auch würdevoll.

Die Architektur der Krippe besteht aus Holz und Gips. Für die Säulen und Bögen wurden vorab Formen aus Wachs erstellt. Die Figuren sind über einem Drahtkörper mit kaschiertem Stoff gestaltet. Der Kopf, die Hände und die Füße sind aus Holz.

Leihgabe: Adelgunde und Dr. Marcel Huber

Baumschwammkrippe mit Berchtesgadener Grobschnitzfiguren

Viele Krippen vereinen ungewöhnliche Materialien. Hier thront auf einem Baumschwamm eine kleine Heimatkrippe. Der Stall ist als einfache Blockhütte mit hölzernen Legschindeln gedeckt, die mit Steinen beschwert sind. Papiererne Tannen und eine kleine Malerei deuten die Bergwelt der Alpen an. Maria und Josef stehen mit dem Ochsen im Stall. Von rechts zieht ein Hirte mit seinen Schafen heran. Die grobgeschnitzten Figuren stammen aus Berchtesgaden. Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert lebten zahlreiche Einheimische in der Bergregion von der Nebenerwerbsschnitzerei. Sie fertigten geschnitzte und bemalte Krippen- und Heiligenfiguren, Spielzeuge und Spanschachteln, die in ganz Europa vertrieben wurden. Diese Volkskunst kam mit dem Aufkommen des Blechspielzeugs nahezu zum Erliegen, bis die "Berchtesgadener War" Anfang des 20. Jahrhunderts als Souvenirs und Weihnachtsschmuck wieder Verbreitung fand.

Leihgabe: Verein für Krippen und religiöse Volkskunst Inn-Salzach e.V.

Diorama - Der Morgen nach der Geburt

Die Figuren stammen von der Familie de Francesco aus Neapel. Die Familie modelliert Krippenfiguren aus Ton, die durch ihre Natürlichkeit bestechen. Die gestalteten Szenen zeigen emotionale Momente aus dem Familienleben und der Geburt eines Kindes. Hier sehen wir Maria und Josef mit dem neugeborenen Kind. Maria hat nur Augen für das Neugeborene, das sie im Arm hält. Josef umarmt sie liebevoll und blickt auf Mutter und Kind. Der Esel labt sich am wohlverdienten Heu, das er mit einigen Schafen teilt. Daneben fegt eine Magd beiläufig den Hof. Die Szenerie strahlt Natürlichkeit und Harmonie aus.

Die Architektur wurde von der Wasserburger Kunsthandwerkerin Margarete Kölbl gestaltet. Es handelt sich dabei um ein Diorama, das eine italienische Landschaft zeigt. Dioramen ziehen den Betrachter durch ihre besondere Tiefenwirkung in ihren Bann und stellen auch einen aktuellen Trend im Krippenbau dar.

Leihgabe: Margarete Kölbl

Laternenkrippe

Maria und Josef empfangen im Stall einen älteren Hirten und die Sternsinger, die das neugeborene Kind sehen möchten. Der Hirte nimmt ungläubig die Stoffwindel zur Seite, die Sternsinger schauen andächtig. Über allem wachen eine alte Nachbarin und zwei verzückte Engel. Es scheint, alles könnte im Nachbarhaus stattfinden.

Die Krippe im alpinen Stil zeigt Figuren der Firma Heide aus Gröden in Südtirol. Sie gehören zur Kollektion der Ankleidekrippe, also Figuren die mit Stoff bekleidet hergestellt werden und von Krippenbauern neu angezogen werden können.
Die Architektur wurde von Margarete Kölbl gestaltet. Auch Laternenkrippen sind bei Krippenbauern aktuell ein Trend. Das warme Licht der Heiligen Nacht geht von einer kleinen Laterne im Mittelpunkt aus. Die Kühle des Schnees wird von blauen LEDs unterstützt

Leihgabe: Margarete Kölbl

Krippen aus aller Welt

In einer kleinen Abteilung der Ausstellung werden auch Krippen aus Übersee präsentiert. Doch was macht die Krippen aus Mexiko, Togo oder Ibiza so besonders? Neben dem Material und der besonderen Formensprache ist es auch der immer wieder neue und individuelle Blick einer jeden Kultur auf das Geschehen der Heiligen Nacht.

"Euch ist heute der Heiland geboren!"

Bereits im 16. Jahrhundert verbreitete sich mit den Jesuiten und ihrer Mission die Darstellung der Krippe um die Welt. So ist die Krippe, die die Menschwerdung Christi und die damit verbundene Heilsbotschaft versinnbildlicht, eng mit der außereuropäischen Christianisierung verbunden. Das Urbild der Familienwerdung, das die Krippe zum Ausdruck bringt, hat die Menschen seit jeher in allen Teilen der Erde in ihren Bann gezogen.

Menschen aus allen Kontinenten haben vor dem Hintergrund ihrer Kultur, mit ihrer Kunst und den ihnen zur Verfügung stehenden Materialien Krippen gebaut, die für sie anbetungswürdig sind und in denen sie sich wiedererkennen. Krippen werden als Produkte des Kunsthandwerks weltweit verkauft, als Andenken von Reisen mitgebracht oder als Geschenke zwischen christlichen Gemeinden ausgetauscht. Auf diese Weise kommen sie auch in unsere Region und vermitteln uns immer neue Blickwinkel auf das Geschehen der Heiligen Nacht.

Krepppapierkrippe aus Ibiza, Leihgabe des Vereins für Krippen und religiöse Volkskunst Inn-Salzach e.V.

Neapolitanische Krippe

Auf einem großen Krippenberg tummeln sich in leuchtenden Farben gefasst Tonfiguren. Sie alle halten Essen in ihren Händen. So sehen wir einen Maronibrater, eine Dame mit Kürbis in der Hand und einen Metzger. Bei genauerem Hinschauen entdecken wir in einer Grotte einen Fischstand! Doch wo ist die eigentliche Krippenszene? Die Krippe mit dem Jesuskind befindet sich unter einem Bogen an der rechten Seite. Er wird von Engeln flankiert.

Die Tradition der reichen Großkrippen Neapels entstand im 18. Jahrhundert als Adelige darum wetteiferten wer die schönste, größte und prunkvollste Krippe besaß. Diese Krippen bildeten auf prunkvolle Weise das Leben in den Straßen Neapels ab. Köpfe und Hände der Figuren waren aus bemaltem Ton modelliert, die Gewänder über dem Drahtkörper kunstvoll aus speziell für die Figuren gefertigten Stoffen genäht. Da Neapel immer wieder von Hungersnöten geplagt wurde, glaubte man mit dem Eintreffen des Messias dieses Unheil zu überwinden. Noch heute werden in Neapel Krippenfiguren und Zubehör gefertigt und an Sammler und Krippenbauer in ganz Europa verkauft. Die hier ausgestellte Krippe ist eine typische kleine Krippe mit einfachen Tonfiguren, wie sie auch heute noch in den Mietwohnungen der einfachen Neapolitaner stehen.

Die Krippe stammt aus Mugnano di Napoli. Die Gebäude wurden von Matteo Principe gebaut.

Wasserburger Großkrippen

Die Ausstellung zeigt auch zwei Wasserburger Großkrippen aus der Sammlung des Museums. Während die Beyerkrippe für die Ausstellung einen neuen Krippenberg erhielt, musste die Achatzkrippe mit einer technischen Ausstellung vorlieb neben. Warum? Das Wichtigste fehlt! Mehr zu den Krippen erfahren sie in informativen Objekten des Monats und in einem Video.

Die Krippe des Schülerheims St. Achatz

Die Krippe kam 1933 durch Ankauf vom damaligen Direktor des Schülerheims St. Achatz ins Museum. Die eigentliche Krippenszene mit Maria, Josef und dem Jesuskind im Stall ist nicht überliefert. Gezeigt werden folgende Szenen: die Herbergssuche, die Verkündigung an die Hirten, der Chor der Engel sowie die selten dargestellte Szenen, in der Herodes im Kreise seiner Priester und Schriftgelehrten nach dem Geburtsort Christi fragt, während die Heiligen Dreikönige bereits heranziehen, die Flucht nach Ägypten, der 12-jährige Jesus im Tempel und die Hochzeit zu Kana.

Die Architektur der Herbergssuche von 1977 stammt von Hans Aichner aus Tirol.

Mehr zur Krippe und ihrer Geschichte erfahren Sie im Beitrag Objekt des Monats Dezember 2021 von Meret Bebos 

Die Beyerkrippe

Das Museum stellt mit der Wasserburger Beyerkrippe ein Prunkstück seiner Sammlung aus. Die Krippe, die über zwei Jahrhunderte gewachsen ist und über hundert Figuren umfasst, wurde in den letzten Jahren aufwendig restauriert und erhielt neue Unterbauten von lokalen Krippenbauern. Im Zentrum der Ausstellung werden ihre Figuren nun auf einem zweieinhalb Quadratmeter großen Krippenberg präsentiert.

Eine noch ausführlichere Information erhalten Sie im Beitrag Objekt des Monats Dezember 2020 von Lena Hauser.

Lena Hauser und Meret Bebos haben der Krippe im Zusamenhang mit der Ausstellung einen Kurzfilm gewidmet, der dieses Editorial abschließt.

Die Beyerkrippe im Video

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