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Zwei Stilepochen in einem Schränkchen vereint

Im August 2020 konnte die Stadt Wasserburg für ihre Museumssammlung einen kleinen Nischenschrank aus der Mitte des 16. Jahrhunderts erwerben. Das Möbelstück zeigt auf einzigartige Weise den Übergang von der Gotik in die Renaissance und stammt aus einem bekannten Wasserburger Altstadthaus.

Frisch aus der Restaurierung kommend, ist er nun im Museum eingetroffen: Ein kleiner Nischenschrank. Schon auf den ersten Blick wirkt er mit seiner rot-schwarzen Bemalung, dem schmalen Türchen und dem Metallschloss recht geheimnisvoll.

Der hochrechteckige, hölzerne Schrank ist nur 65 Zentimeter hoch. Die schmale Tür lässt sich auf der rechten Seite öffnen. In ihrer Mitte ist ein rautenförmiger Beschlag mit einem ovalem Metallgriff angebracht. Dreht man an ihm, öffnet sich die Tür. Auf der Innenseite befindet sich ein schmaler Metallriegel. Über 400 Jahre alt ist dieser Schließ- und Öffnungsmechanismus! In der Restaurierung konnte er wieder gangbar gemacht werden.
Beinahe von allen Seiten ist das Schränkchen mit einer roten Farbe bemalt. Allein die Rückwand sowie das Innere wurden roh belassen.

Doch nicht allein wegen seiner Wasserburger Herkunft ist der kleine Schrank als Museumsobjekt interessant, sondern darüber hinaus auch als Übergangsmöbel von der Zeit der Gotik zur Renaissance. Die einfache und massive Konstruktion seines Korpus sowie manche Elemente der Bemalung sind noch gotisch gehalten. Hierzu zählen die stilisierten Lilien in den Ecken sowie die Zirkelschlagornamente am Rand der Frontseite. Letztere leiten sich aus der Kreisform ab, welche für die Epoche der Gotik charakteristisch ist. Erste Anklänge an den Renaissancedekor lassen sich in dem schlank gestalteten Schloss und in der floralen Malerei auf der Tür finden. Die schwarze Farbe, in der die Blumenelemente auf dem roten Grund ausgeführt wurden setzt sich aus Ruß und einer Kaseinbindung zusammen. Derartige arabesken und mauresken Pflanzenornamente kamen im 16. Jahrhundert in den deutschsprachigen Raum. Sie stammen aus dem vorderen Orient, wo sich diese Form der Ornamentik vermutlich aus dem islamischen Bilderverbot und stätantiken Dekorationsformen entwickelt hatte.

Das Schränkchen stammt aus dem Maikäferhaus am Kaspar-Aiblinger-Platz und hat noch einen großen Bruder: Einen größeren, freistehenden Schrank mit ähnlicher Bemalung, der allerdings nicht den Weg ins Museum fand. Hans Maikäfer war der letzte Wasserburger Wagner. Er führte seine Werkstatt am Kaspar-Aiblinger-Platz noch bis 1992 – da war er selbst bereits stolze 82 Jahre alt. Schon sein Vater und der Großvater gingen dem Handwerk nach, sodass Hans Maikäfer ältere Werkstatteile aus dem 19. Jahrhundert an die städtische Sammlung schenken konnte. Sie fanden Eingang in die Dauerausstellung und sind im Dachgeschoss des Museumsgebäudes zu sehen.

Wandschrank aus dem Maikäferhaus, 16. Jh., Holz, Metall, bemalt, 65 x 38 x 27 cm. Museum Wasserburg, Inv.-Nr.: 12624