Stadt Wasserburg am Inn

Seitenbereiche

Seiteninhalt

Aktuelle Meldungen

Objekt des Monats August 2018

Skulptur
Skulptur "Mädchen"
Museum Wasserburg, Inv.-Nr. 12501

 Mädchen

Eine Skulptur der Künstlerin Lidy von Lüttwitz
 
Das junge Mädchen steht schüchtern auf seinem Holzsockel und verschränkt zurückhaltend die Hände auf dem Rücken. Kerzengerade steht sie da, der Oberkörper, die langen Beine und die Arme stolz durchgestreckt. Der fein gearbeitete rechte Fuß ist etwas nach vorne geschoben, die Schultern unsicher hochgezogen. Die Gesichtszüge des etwas nach oben geneigten Gesichts und die Haare sind nur angedeutet. Die Maserung des Holzes malt wunderschöne Muster auf einzelne Körperpartien und betont die zwar zurückhaltende aber doch selbstsichere Haltung des Mädchens.

Mit ihrem Sockel ist das Mädchen aus Eichenholz gerade einmal 150 cm hoch und doch zieht sie die Blicke auf sich. Lidy von Lüttwitz, die diese ausdruckstarke Figur geschaffen hat, verbindet hier gekonnt die Befangenheit eines Mädchens und das zunehmende Selbstvertrauen einer jungen Frau.

Vielleicht spielt Lüttwitz hier auf sich selbst an, denn als sie dieses Werk 1935 schuf, durfte die junge Frau ihre Kunst nicht öffentlich machen. Das Naziregime stufte ihre Arbeiten als „undeutsch“ ein und bis Kriegsende war es ihr verboten, ihre Kunst öffentlich auszustellen. Dabei hatte Lidys Karriere vielversprechend begonnen:

1902 in Berlin geboren und in Posen aufgewachsen, kam sie mit 18 Jahren in die Hauptstadt zurück und studierte dort unter dem Maler Willy Jaeckel Malerei. Ab 1924 wendete Lidy von Lüttwitz sich der Bildhauerei zu und sie lernte bei Alexander Oppler an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Es folgten zwei Jahre Studium in Paris und weitere Jahre in der Steinwerkklasse wieder in Berlin. 1932 konnte sich die junge Künstlerin endlich den Traum eines eigenen Ateliers erfüllen – allerdings war es ihr im 3. Reich verboten, die eigene Kunst öffentlich zu machen. Lidy von Lüttwitz musste sich also, wie das von ihr geschaffene Mädchen, befangen zurückhalten. Trotzdem besaß sie das Selbstbewusstsein, ihre künstlerische Arbeit nicht aufzugeben

Erst in den Nachkriegsjahren folgten erste Ausstellungen und 1952 erhielt von Lütwitz den „Kunstpreis der Stadt Berlin“. Eine große Ehre, der öffentliche Aufträge folgten. So gestaltete sie unter anderem das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin-Wittenau.
Im Laufe der Zeit veränderte sich der Stil der Künstlerin. Waren die ersten Werke noch schlicht und ganz im Geist der Neuen Sachlichkeit geformt, entstanden ab 1945 abstraktere Darstellungen. Trotzdem ging das Figurative nie ganz verloren. Viel mehr schaffte es Lidy von Lüttwitz, eine Synthese aus Figürlichem und Abstraktem zu schaffen. Dabei ließ sie sich immer vom jeweiligen Material – Holz oder Stein – leiten und schuf damit eine unverwechselbare Dynamik in ihren Skulpturen.

Auch bei einem Besuch des Skulpturenwegs auf dem Inndamm rund um Wasserburg kann dieses wunderbare Zusammenspiel betrachtet werden. Hier steht ebenfalls ein Werk von Lidy von Lüttwitz mit dem Titel „Entfaltung IX.“ (Nr. 3). Die Künstlerin ließ sich nämlich 1970 in Altenhohenau bei Wasserburg nieder und stellte unter anderem bei den großen Kunstaustellungen des AK68 aus. Bis ins hohe Alter von 94 Jahren blieb Lidy von Lüttwitz als Künstlerin aktiv.

Nach ihrem Tod 1996 gingen die unverkauften Arbeiten in Privatbesitz über. Die Erben bemühten sich darum, die „Kinder“ – so nannte Lidy ihre Werke – würdevoll unterzubringen. Deswegen schenkten sie dem Museum Wasserburg das „Mädchen“ sowie Skizzen und Notizen zu den einzelnen Kunstwerken.

Weitere Informationen