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Zur Geschichte Attels 

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Wenn Attel am 17. Juni die Feierlichkeiten zu seinem Jubiläum beginnt, stehen nicht die Gründung oder die Aufhebung des Klosters im Mittelpunkt, nicht der barocke Kirchenbau und auch kein „rundes Datum“ der Stiftung Attl, sondern einfach der Ortsname Attel, der am 16. Juli 807 als „locus, qui dicitur Hatile“ erstmals in einer Urkunde der „Freisinger Traditionen“ genannt wird. Auf einem Gerichtstag zu Gars verzichten die Brüder Rumolt, Hildolf, Deotpald und Ekkiperht auf Rechtsansprüche aus Schenkungen ihrer Vorfahren in Attel und bestätigen sie als Besitzstand der Hl. Maria zu Freising. Nach den Bestimmungen der Lex Baiuvariorum werden am Ende die Zeugen des Rechtsgeschäfts in Anwesenheit der Bischöfe Arn und Oadalhard sowie der Grafen Amalricus und Orendil an den Ohren gezogen. Nach Aussage des Vogts von Bischof Atto von Freising und anderer Ehrenmänner waren die Besitzungen „schon vor langer Zeit“ der Kirche von Freising übergeben worden und gehörten somit nicht zum Erbe der vier Söhne des Uuolfperht. Aus dieser urkundlichen Fixierung wird deutlich, dass der Ort und sein Name durchaus älter sind, sich aber die genauen Anfänge – wie so oft - im Dunkel der Geschichte verlieren. Dass das von Ebrach, Attel und Inn begrenzte Hochplateau altes Siedlungsland ist, belegen zwar einige vorgeschichtliche Funde, eine römische Vergangenheit ist zwar durch die nahe vorbeiführende Römerstraße und ein paar Fundstücke naheliegend, kann aber auch durch die beiden sekundär aus dem Raum Attel stammenden Römersteine nicht bewiesen werden. Fortan aber ist dieses „Hatile“ – so klein es auch bis zum Ausbau der „Stiftung Attl“ gewesen sein mag – Dreh- und Angelpunkt der Geschichte Wasserburgs und in religiöser und politischer Hinsicht untrennbar mit der Stadt verbunden.

Spärlich sind die historischen Daten bis zum beginnenden 12. Jahrhundert. Auch in den Urkunden des Hochstifts Passau soll „Atila“ unter jenen Höfen aufgezählt sein, von denen Kaiser Karl d. Dicke (Ks. 881 – 888) 885 den neunten Teil der Einkünfte an die Kapelle in „Otinga“ =(Alt-)Ötting geschenkt hat. Auf dieser Nennung beruht wohl die Annahme eines „Königshofes“ in Attel. 935 wird im Ebersberger Cartular ein „Dietrih de Atile“ als Zeuge einer Schenkung genannt. Ab wann schließlich auf dem Sporn über dem Zusammenfluss von Inn und Attel jene Michaelszelle bestand, die Graf Arnold von Andechs-Dießen 1038 zum Kloster ausbaute, ist unbekannt. Die Grafen von Andechs-Dießen hatten hier Güter und im nahen Limburg einen befestigten Sitz. Durch Erbschaft gingen die Besitzungen auf die verwandte Linie der Hallgrafen von Limburg-Wasserburg über. Nachdem das junge Kloster durch Friedrich Roch/Rocko, ein Familienmitglied der Andechs-Dießener, um 1087 beinahe wieder zugrunde gerichtet worden war, erfolgte die Neugründung durch Hallgraf Engelbert von Limburg um „1137“. Mit diesem Datum erreichen wir in der langen Geschichte Attels, um mit E. Noichl zu sprechen, „die Magie der gefälschten Zahl“. Um dem Kloster eine ungehinderte Entwicklung zu gewährleisten, verlegte der Graf angeblich seinen Sitz damals nach Wasserburg und seither wird fälschlicherweise diese historisch nicht haltbare Jahreszahl als „Gründungsdatum“ Wasserburgs angeführt. Generationen von Schülern haben im Heimat- und Sachkundeunterricht dieses Datum eingetrichtert bekommen und durch die 800- und 850-Jahr-Feiern der Stadt ist es im Bewusstsein der Bevölkerung so fest verankert, dass es auch durch die neuen Forschungen wohl nur schwer auszumerzen sein wird. Wie dem auch sei, der Burgstall von Limburg hoch über dem Inntal ist eine Vorläuferanlage des späteren Wasserburg und Hallgraf Engelbert mit seiner Gemahlin Mathilde und den beiden Söhnen Gebhard und Dietrich, die allesamt auf dem Stifterhochgrab in der ehemaligen Klosterkirche verewigt sind, gelten als die eigentlichen Gründer des Klosters, das von nun an einen steten Aufschwung nahm. Abgesehen davon, dass schon in der sog. Atteler Urkunde Nr. 1 der Hallgraf dem jungen Kloster ... Kirchen übereignete, vertrauten auch die Salzburger Erzbischöfe die auf der anderen Flussseite gelegene Pfarrei Eiselfing der Seelsorge der Atteler Mönche an. Schon in einer Urkunde von 1177, ausgestellt durch Papst Alexander III. in Ferrara, wird dieser Bestand konfirmiert, sodass das Kloster einen umfangreichen Bezirk zu betreuen hatte: Neben Wasserburg gehörten Edling und Ramerberg sowie Eiselfing und Griesstätt dazu, sodass der „Pfarrbezirk“ von der Stadt bis an die Murn und auf der anderen Seite bis an den Katzbach reichte – der Inn dazwischen bildete die Diözesangrenze zwischen Freising und Salzburg bis ins 19. Jh. Übrigens sicherte der große Pfarrsprengel mit seinen Exposituren Jahrhunderte später bei der Säkularisation den Exkonventualen ihren Unterhalt und Aufenthaltsort: einige Patres wirkten nach der Klosteraufhebung als Pfarrer in Griesstätt, Ramerberg und Eiselfing und auch der 50. und letzte Abt, Dominikus II. Weinberger, bezog zunächst den Pfarrhof von Eiselfing, um später in ein dem Kloster noch gehörendes Haus in Wasserburg zu übersiedeln. Im Auftrag des Freisinger Bischofs nahm er noch 1826 Weihehandlungen in St. Jakob vor. Wenn die Stadtpfarrei, die erst nach 1803 ihre volle Selbstständigkeit erhielt, heute die Pontifikalgewänder des letzten Abtes – allerdings wurden sie wohl schon unter seinem Vorvorgänger Abt Nonnosus Moser (1723-56) angeschafft, besitzt, so ist dies auf den Lebensabend Weinbergers in Wasserburg zurückzuführen, dessen Grab unter den Arkaden des Altstadtfriedhofes liegt.

Für gewöhnlich sind Benediktinerkloster Stätten der Lehre und Forschung, aber aus dem kleinen Konvent, der selten über 20 Mönche umfasst haben dürfte, sind keine großen Gestalten der Gelehrsamkeit oder Musikpflege in Erinnerung geblieben. Erst aus dem 18. Jahrhundert sind einige Werke der Erbauung und Predigtliteratur bekannt. Dass die Musikpflege nicht zu kurz gekommen ist, belegen die fast 30 Instrumente, die am 2. und 3. Mai 1804 zur Versteigerung gekommen waren, darunter 6 Trompeten, 5 Paar Waldhörner, 2 Basseteln, Traversflöten, Violinen, Violen und Pauken. Interessanterweise haben diese Instrumente vornehmlich die ehemaligen Mönche, nunmehr Pfarrer von Attel, Pfaffing und Eiselfing sowie einige Person rund um Attel ersteigert, sodass sie wohl für ihre neuen Kirchenchöre vorgesorgt haben.

Während die Klostergeschichte zwischen 1500 und 1803 durch die Forschung und Veröffentlichung von Dr. Paul Schinagl detailliert bekannt ist, fehlen für die Zeit des Mittelalters entsprechende Arbeiten, sodass immer nur auf die allgemeinen Fakten der Klosterreformen verwiesen werden kann, die auch hier nötig waren und gegriffen haben. Im Jahre 1441 werden dem Atteler Abt die Insignien von Stab und Mitra bestätigt – die erste Verleihung muss also schon länger zurückliegen - , sodass fortan auf den erhaltenen Grabsteinen des 16. und 17. Jahrhunderts infulierte Äbte zu sehen sind. Sicher waren einst mehr Epitaphien von Äbten und höher gestellten Personen vorhanden, die ursprünglich im Kreuzgang aufgestellt waren. Nach dem Abbruch des Kreuzgangs und einiger Klostergebäude dürften die schönsten und am besten erhaltenen Grabplatten in die hinteren Seitenkapellen der Kirche übertragen worden sein, wo auch das Hochgrab seinen Platz fand, nachdem es am ursprünglichen Platz vor dem Presbyterium bei den liturgischen Prozessionen hinderlich gewesen war.

Es mag sein, dass der ständige Kampf Attels gegen die Unterspülung des Klosterberges die finanziellen Mittel für die Uferbefestigungen gebunden hat, wobei man mit dem benachbarten Dominikanerinnenkloster Altenhohenau in fortwährendem Streit lag. Jedenfalls konnte sich der Konvent keine renommierten Baumeister und Künstler leisten, wie sie im nahen Rott unter Vertrag standen, um das dortige Rokokojuwel zu schaffen, das wegen seiner Kunstschätze weitaus mehr Besucher anzieht als das schlichtere Attel. Kein Johann Michael Fischer konzipierte den Bau, kein Matthäus Günther freskierte das Gewölbe, kein Ignaz Günther und Joseph Götsch schnitzten die Figuren, sondern die hauseigenen Kräfte waren es, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Klosterkirche erneuerten (Bauzeit 1713-15). Abt Cajetan Scheyerl (1703-23) selbst soll den Plan entworfen haben, wobei er sich die tonnengewölbte Michaelskirche in München zum Vorbild nahm, hauseigene Brüder übernahmen in der Folgezeit einen großen Teil der Ausstattung mit Gemälden: Leander Laubenbacher schuf das Bild für den 1731 errichteten Hochaltar, Sebastian Zobel (1726-1801) schuf die Bilder für einige Seitenaltäre, indem er Werke bekannter Barockmaler kopierte, Xaver Lamp malte 1778 den Winterchor aus. Daneben waren Zobel und Lamp auch in den incorporierten und benachbarten Pfarreien tätig, sodass man ihren Werken auch in Vogtareuth oder Ramerberg begegnen kann, wobei das Gesamtwerk dieser Atteler Künstler noch längst nicht erfasst ist.

War scheinbar auch das Kloster zu arm, um sich fremde Meister leisten zu können, so waren wohl die Bruderschaften der Kirche doch so reich, dass sie Ignaz Günther für einen Altaraufsatz für ihren Rosenkranz-Bruderschafts-Altar und vielleicht auch für eine Pieta für den Kreuzaltar gewinnen konnten. Die 82 cm hohe Immaculata (um 1762) zählt zu den schönsten Kleinplastiken des Meisters, doch ist sie seit einer Restaurierungsmaßnahme im Jahre 1972 im Landesamt für Denkmalpflege nicht mehr zurückgekehrt, sondern findet heute ihre Bewunderer im Diözesanmuseum in Freising. Nicht einmal im Jubiläumsjahr wird dieses Rokokojuwel auch nur vorübergehend an den angestammten Platz zurückkehren. Die Pieta für den Kreuzaltar hat nebst anderen Kunstwerken, die eindeutig dem Umfeld einer Benediktiner-Kirche zuzuordnen sind, hat wohl der letzte Abt selbst aus Attel mitgenommen und an seinem ersten Zufluchtsort zurückgelassen. So kann man die Pieta in der Pfarrkirche von Eiselfing betrachten, während andere Stücke die Filialkirche Aham zieren.

Hatte das Kloster Attel mit einer eigenen Wallfahrt einst Pilgerströme anlocken können und war auf diesem Gebiet wenigstens Rott überlegen, so ist auch dieser Vorzug noch vor der Klosteraufhebung ein Raub der Naturgewalten geworden. Das Wasser hatte es angeschwemmt, das romanische Kreuz, das sich bald als wundertätig erweisen sollte, das Wasser hat die Gnadenstätte bald wieder weggespült. 1628 hatte der Klosterfischer das Kreuz aus einem Strudel am Fuß des Klosterberges gefischt, zwanzig Jahre später war es am Ort seiner Bergung in einer hölzernen Kapelle aufgestellt worden und zog so rasch Beter und Bittsteller an, dass im Jahr 1665 eine große Kirche mit einem Kuppelgewölbe und einem doppelstöckigen Altar errichtet werden konnte. Ablässe und Privilegien förderten die Wallfahrt zu unserem Herrn im Elend, sodass sie zu einer der bedeutendsten im Umkreis wurde. Der ständige Anprall des Innstromes an den Fuß des Berges und auch Hochwasser hatten die Anhöhe, auf der die Kirche stand, so stark unterspült, dass sie einsturzgefährdet war und zum Leidwesen aller 1786 abgetragen werden musste. Zwar fand der Kreuzaltar in der Klosterkirche einen neuen, sicheren Platz, aber mit der Säkularisation brach auch das Wallfahrtswesen an den meisten Orten zusammen bzw. erreichte nie mehr die frühere Blüte. Eine neugotische Kapelle in Elend, mit der Kopie des Kreuzes, errichtet 1848, erinnert heute an den Gnadenort, an dem sich viele Wallfahrer versammelt haben. Der Aufklärung Bildersturm hat die Zeugnisse der Wallfahrt bis auf wenige Spuren vernichtet. Seit 1974 hat die Dekanatswallfahrt nach Attel im Oktober die alte Tradition wieder aufgenommen.

Viel wäre über die Phase der Klosteraufhebung und das Schicksal der einstigen Konventualen zu berichten. 50 Äbte hatte das Kloster in seiner langen Geschichte aufzuweisen, glücklich wurden die neuen Herren mit ihrer Immobilie, die sie nunmehr „Schloss Attel“ nannten, wohl nie, sonst hätten die Eigentümer nicht so rasch gewechselt. Innerhalb von 70 Jahren wechselten die Besitzer 11 mal, ehe am 19. August 1874 der Hospitalorden des Hl. Johannes von Gott, kurz genannt die Barmherzigen Brüder, den geistlichen Sitz, das Zentrum einer ganzen Region zurückkaufen und eine „Pflegeanstalt für männliche Unheilbare“ einrichten konnten. Schwierige wirtschaftliche Verhältnisse, zwei Weltkriege, im zweiten mit der Deportierung der Pfleglinge und der Zweckentfremdung der Gebäude sowie die ohnehin desolate, weitläufige Bausubstanz, in die seit der barocken Umgestaltung kaum etwas investiert wurde, führten zum weiteren Verfall. Die Übernahme durch den Caritasverband der Erzdiözese und die Umwandlung in eine „Stiftung Attl“ haben in den letzten Jahrzehnten nicht nur einen Ausbau der Anlage nach modernen heilpädagogischen Gesichtspunkten bewirkt, sondern auch einen Erhalt und eine neue Nutzung der barocken Klosteranlage. Längst ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen und nach 1200 Jahren ist aus dem beschaulichen Kloster über dem Inntal ein pulsierender Betrieb geworden, den aber noch immer die Kloster- und Pfarrkirche als weithin sichtbarer Mittelpunkt überragt.

Von Ferdinand Steffan (der Autor ist bei einer Vervielfältigung anzugeben)


 

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