(Ein Bericht aus dem Jahr 2002)
Nach der Einweihung des Stadtarchivs in der Kellerstraße
im Jahr 2002 entwickelt sich diese junge, städtische
Einrichtung nun beständig zu einem „Haus der
Geschichte“; einer Forschungs- und Bildungseinrichtung
für interessierte BürgerInnen oder Forschende. Um einen
Einblick zu geben, was für Fragestellungen an das
Stadtarchiv herangetragen werden, und mit welchen
Forschungen verschiedene Personen und Gruppen beschäftigt
sind, werden an dieser Stelle einige Beispiele der Themen
und ihrer Bearbeitung vorgestellt:
Mark Swartzberg ist Dozent an der University of North
Carolina und gerade dabei seine Habilitation zu schreiben.
Ende Mai besuchte er während eines kürzeren Aufenthaltes
in Deutschland auch das Stadtarchiv Wasserburg, um nach
Quellen für seine Forschungsthemen Deutsch-Amerikanische
Beziehungen 1918-1925 und Deutsche Freikorps 1919-1921 zu
recherchieren.
Schon lange war Swartzberg auf der Suche nach einem bisher
unveröffentlichten Manuskript über Freikorps- und
Einwohnerwehren, welches 1921 entstand. Dass er im
Stadtarchiv fündig wurde, ist v.a. der neuen elektronischen
Katalogisierung der Bibliothek zu verdanken.
Aber auch Original-Archivgut, Akten zum Militarismus aus
der Zeit von 1918-1925, die für diesen Zeitraum schon
erschlossen waren, fand Mark Swartzberg vor. Diese reiche
Quelle bedarf nun der weiteren Auswertung, so dass
Swartzberg im Herbst, zur vorlesungsfreien Zeit, wieder
über den großen Teich fliegt, um neben dem Bundesarchiv
und weiteren staatlichen Archiven auch im Stadtarchiv zu
forschen.
Erst im 2. Semester und schon in ein Archiv ? Warum nicht,
denn als Geschichtsstudentin übt man sich besser früh in
Quellenarbeit...
Zum Abschluss ihres Proseminars in mittelalterlicher
Geschichtswissenschaft an der LMU muss Julia Lenders eine
Abschlussarbeit schreiben. Das Thema: Das
Heilig-Geist-Spital, Anfänge, Aufgaben und Funktionen einer
städtischen, sozialen Einrichtung im Mittelalter.
Beim ersten Besuch im Stadtarchiv wurde schnell klar, dass
dieses Thema sehr interessante Aspekte bietet. Die Anfänge
des Spitalwesens anhand der ersten Erwähnungen in Urkunden
seit 1338 zu untersuchen, bedeutete Neuland zu betreten,
denn bisher wurde die Gründung des Spitals ausschließlich
mit einer Attler Urkunde aus dem Jahr 1341 in Verbindung
gebracht. Eingebettet in eine chronologisch-beschreibende
Darstellung des Spitalwesens und der Analyse einiger
exemplarisch ausgewählter Urkunden, können die Aufgaben
und Funktionen dieses Institutes dargestellt und die
Gründung vor 1338 bewiesen werden.
Dass bei der Quellenarbeit zunächst noch
Leseschwierigkeiten auftreten, ist im 2. Semester
verständlich, dafür aber umso lobenswerter, dass Julia
Lenders sich mit etwas Hilfestellung schon zu einem frühen
Zeitpunkt ihres Studiums mit wirklicher Quellenarbeit
auseinandersetzt. Fazit dieser interessanten Begegnung mit
der Geschichte: „Wirklich etwas bisher Unbekanntes
herausgefunden zu haben und die Lese- und
Sprachschwierigkeiten letztlich doch mit einigem Zeitaufwand
überwunden zu haben, war spannend und hat sehr viel Spaß
gemacht“, so Lenders.
Im Rahmen seiner Dissertation an der TU Berlin beschäftigt
sich Björn Statnik mit dem Nachweis spätgotischer Maler in
Wasserburg.
Dabei steht die Klärung der Frage nach dem Meister des
Attler Altares im Mittelpunkt. Ansatz für die Arbeit des
Stadtarchivs ist neben einer eingehenden Besprechung des
Forschungsthemas die Herausstellung einschlägiger
Archivalien. Die Inbeziehungsetzung und Verbindung von
mittelalterlicher bzw. frühneuzeitlicher
Verwaltungstätigkeit wirkt hier als Schlüssel zur
Information. Während der Forschungsarbeit, die sich über
mehrere Monate erstreckt, wurden v.a. Kirchenrechnungen der
Pfarr- und Frauenkirche, des Heilig-Geist-Spitals sowie der
beiden Kirchen St. Achatz und Magdalenenkirche untersucht.
Viele Wasserburger Bürger und Bürgerinnen haben das
Stadtarchiv für Ihre heimatkundlichen Forschungen entdeckt.
Themen die bisher behandelt wurden waren u.a.: 30jähriger
Krieg, Eisenbahngeschichte, Geschichte des Brauereiwesens,
Nationalsozialismus, Wasserburg in der Nachkriegszeit,
Vereinsgeschichte, Ortsnamenforschung, Geschichte
umliegender Gemeinden , Stadtentwicklung, Handelsgeschichte
etc...
Dabei werden sehr häufig die Wasserburger Zeitungen
genutzt, die seit 1839 vollständig erhalten sind und die
Auskunft über Ereignisse in der Region Wasserburg geben.
Einsehbar sind die sicherungsverfilmten Zeitungen auch über
unsere PC-Arbeitsplätze im Leseraum des Stadtarchivs.
An zwei heimatkundlichen Wettbewerben haben Klassen der
Realschule in jüngster Zeit teilgenommen...Dabei war für
die Schülerinnen und Schüler auch das Stadtarchiv
Anlaufstation, um etwas über die Geschichte zu erfahren.
Themen wie „Tiere in unserer Geschichte“ oder die Recherchen über das Leben des Forschers Otto Geist, nach dem in Eiselfing eine Straße benannt ist, wurden bearbeitet. Zur Zeit sind einige Schüler dabei, etwas über die Ernährung im Mittelalter herauszufinden (Bild). Dass dabei das Original-Archivale eine große Rolle spielt, kann man genau beobachten. Der Kontakt mit der Geschichte wird mit einem Schriftstück aus der Vergangenheit lebendig und anfassbar. Die Faszination, selbst etwas über die Geschichte herausgefunden zu haben, ist den Schülern immer wieder deutlich anzumerken.
Zu den ersten Besuchern im neuen Stadtarchiv zählte auch
das Luitpold-Gymnasium mit einer Schülergruppe in
Begleitung von Lehrer Thomas Kemme.
Die Ausstellung Alltagsleben in Wasserburg 1948-1958 war im
letzten Schulhalbjahr im Gymnasium zu sehen.
Auf dem Foto sieht man die Schülerinnen in den alten,
dicken Zeitungswälzern blättern, um „frei nach
Spürnase“ Alltagsgeschichten zu recherchieren.
Im Rahmen seiner Abitur-Facharbeit im Leistungskurs
Geschichte zum Thema Kriegspropaganda im 2. Weltkrieg in der
Wasserburger Zeitung am Beispiel Stalingrad machte Florian
Wimmer erstmals Erfahrungen mit einem Archiv. Die
Quellenarbeit hat Spaß gemacht, resümiert er. Dass dies
anscheinend wirklich der Fall war, zeigen auch die 14
Punkte, also eine glatte 1, der Bewertung seiner Arbeit. Nun
ist die Frage, was nach dem Abitur passiert: „Geschichte
studieren natürlich“, sagt Wimmer. Also, auf ein
Wiedersehen im Stadtarchiv im Rahmen der ersten
Seminararbeit?
(Dieser Bericht, der in gekürzter Fassung auch in der Wasserburger Zeitung erschien, schildert Archivnutzungen aus dem Jahr 2002).