Planung: Architekt Hans Philipp, Wasserburg am Inn
Restauratoren: Rainer Neubauer, Sabine Lehnert, Bad
Endorf
Bauherr: Johann Maier, Grüntegernbach
Planungsbeginn: 1989
Baubeginn: 1989
Fertigstellung: 1990
Das Gebäude Herrengasse 1 kann seine besondere
städtebauliche Bedeutung nicht aus seinem auffallenden
Äußeren ableiten, sondern aus der Lage an der Einmündung
der Herrengasse in die Schustergasse und in unmittelbarer
Nähe zum Chor der spätgotischen Stadtpfarrkirche St. Jakob
mit dem Monumentalgemälde des „Lebensbaumes“.
Vergleichbar mit anderen Gebäuden an Straßeneinmündungen
schiebt sich das Haus verengend in den Straßenraum der
Schustergasse vor und bewirkt somit den optischen Abschluss
der einen Straße und betont den Platzcharakter des
Straßenraumes der Herrengasse und der oberen
Schustergasse.
Jahrzehntelang vernachlässigter Bauunterhalt, eine sehr
extensive Nutzung der Obergeschosse mit schlecht
ausgestatteten Fremdenzimmern und die wenig ansprechende
Gestaltung der Gasträume machten eine durchgreifende
Sanierung des gesamten Anwesens notwendig.
Im vorliegenden Fall ermöglichte es die Aufgeschlossenheit
des Bauherrn, dass die Maßnahme nach denkmalpflegerischen
Gesichtspunkten geplant und ausgeführt werden konnte. So
wurde im Erdgeschoss die traditionelle Nutzung als
Gastwirtschaft beibehalten und durch geringfügige
Veränderungen des Grundrisses ein moderner gastronomischer
Betrieb mit allen Nebeneinrichtungen und daneben ein kleines
Ladengeschäft eingerichtet.
Die Befunduntersuchungen, denen ein exaktes Aufmaß
vorausgegangen war, förderten in den Innenräumen
umfangreiche barocke Stuckierungen und daneben größere
Schablonenmalereien aus der Zeit des Jugendstils zutage. Im
Zuge der Umbauarbeiten wurden zunächst im Treppenhaus die
früher vorhandenen Vorplätze rekonstruiert und die
Raumaufteilungen soweit wie irgend möglich den alten
Befunden unter weitestgehender Erhaltung der vorhandenen
Substanz angepasst. Lediglich die Treppe vom zweiten zum
dritten Obergeschoß mußte verlegt werden. Trotz dieser
Berücksichtigung der historischen Gegebenheiten entstanden
durchaus zeitgemäße Zwei- und Dreizimmerwohnungen in den
Obergeschossen.
Fassade nach der Renovierung
Eine besondere Überraschung ergab die Befunduntersuchung
der Außenfassade. Unter modernen Malschichten konnten
größere Fragmente einer ornamentalen Renaissancebemalung
im Bereich des ersten und zweiten Obergeschosses freigelegt
werden, darunter auch der Ansatz eines ovalen Medaillons mit
Fragmenten einer Stadtansicht.
Nähere, vergleichende Untersuchungen erhärteten die
Vermutung, dass diese Fassadengestaltung in ihren Ansätzen
dem auf das Jahr 1634 datierten Entwurf für eine
Fassadengestaltung des Wasserburger Rathauses durch
den Maler Wolfgang Pittenharter entspricht.
Mit ausdrücklicher Billigung des Landesamtes für
Denkmalpflege und des Stadtrates Wasserburg am Inn wurde
daher für die Fassadengestaltung einem Entwurf der
Restauratoren Neubauer und Lehnert zugestimmt, diesen
Entwurf Pittenharters als „Raster für das
architektonisch-ornamentale System“ der Neugestaltung zu
nehmen und dabei die historischen Befunde zu integrieren. So
wurde das Äußere dieses Gebäudes nicht rekonstruiert,
sondern auf der Basis der Renaissance-Ornamente neu
gestaltet. „Man bemühte sich sowohl um den zeitbezogenen
Kontext üblicher Fassadenmalerei in der Renaissance, als
auch um aktuelle Gestaltungselemente des 20. Jahrhunderts,
die das Jahr der Ausführung, 1990 deutlich machen
sollten.“
So entstand eine Fassade in Fresko-Technik, die die
besondere Lage des Gebäudes an dieser Stelle hervorhebt.
Insgesamt wurde im Zusammenwirken vom Bauherrn und
Architekten ein Gebäude so saniert, dass es beispielhaft
auch für andere Vorhaben wirken und zeigen kann, dass
Modernisierung und Sanierung nicht in erster Linie Abriss
und historisierenden Neuaufbau bedeuten muss.
Blick ins barocke Treppenhaus