Bericht eines Restaurators
Hans-Jürgen Linge, Dipl.-Restaurator, Wasserburg am
Inn:
Bericht eines Restaurators
Die Altstadt von Wasserburg am Inn hat durchaus ein von der
Gotik geprägtes Stadtbild. Die Einzelbauwerke ordnen sich
dem Gesamtbild unter.
Vorteilhaft für die Erarbeitung eins einheitlichen
Sanierungsprogramms wäre das fundierte Wissen über die
gewachsene historische Substanz aller Baudenkmäler (z.B.
Umbauphasen, vorliegende Befunduntersuchungen).
Wasserburg am Inn ist eine lebens- und liebenswerte Stadt,
da u.a. über die Bauwerke, die Generationen vor uns
schufen, die Vergangenheit sinnlich und geistig wahrnehmbar
wird. Dies zu erhalten und zu gestalten bedarf der
Einbeziehung der gesamten Bürgerschaft. Vielleicht könnten
dann Zerstörungen oder Teilzerstörungen von Baudenkmälern
wie in jüngster Zeit verhindert werden. Als Restaurator
werde ich u.a. im Rahmen der Stadtsanierung mit
Befunduntersuchungen in denkmalgeschützten Gebäuden und an
deren Fassaden beauftragt. In Zusammenarbeit mit dem
Landesamt für Denkmalpflege München und der Stadt
Wasserburg a. Inn erfolgt anschließend eine Auswertung der
Befunde. Es ist meine Aufgabe, alles Erhaltene zu
dokumentieren und wenn möglich – dies ist abhängig von
der Genauigkeit der Befunde, z.B. Fassadenmalereien – zu
restaurieren bzw. zu rekonstruieren. Hiefür zwei
Beispiele:
Schmidzeile 1 (Lebzelterhaus)
Die Untersuchungen an der Ostfassade führten zur
Aufdeckung dieser interessanten ornamentalen Fassadenmalerei
aus dem 15. Jahrhundert in Fresco-Technik. Im Zuge des
Erkeranbaues wiederholte man diese Malerei in gleicher
Technik mit geringen Abweichungen. Beide Fassungen konnten
eindeutig nachgewiesen werden. Als Beispiel der am meisten
angezweifelte Befund aus dem 15. Jahrhundert: eine Fläche
von ca. 4 Quadratmeter gut erhaltener Malerei war durch das
Dach eines Erkers verdeckt und gleichzeitig geschützt.
Einen eindeutigeren Befund aus dieser Zeit kann man sich
kaum wünschen.
Die Entscheidung für eine Rekonstruktion dieser
Fassadengestaltung aus dem 18. Jahrhundert führte zur
Ausführung mit silikatgebundenen Farbpigmenten. Für mich
persönlich wäre eine Wiederholung dieser Malerei in
Fresco-Technik interessanter gewesen. Die Fassade des
ehemaligen Lebzelterhauses löste im Sommer 1989 zum Teil
heftige Diskussionen aus, u.a. hielt man diese Malerei für
modern und zweifelte an Befundbeweisen. In Udine,
Norditalien, entdeckte man übrigens eine sehr ähnliche,
restaurierte Fassadenmalerei an einem Gebäude mit ebenfalls
städtebaulich bestimmender Lage.
Schmidzeile 20
Die Außenfassade dieses Anwesens blieb lange Zeit von
„Verschönerungen“ verschont, wurde als Schandfleck
bezeichnet – nur für den Denkmalpfleger ein
Glücksumstand?
Befunduntersuchungen ergaben, dass ca. ein Drittel der 2.
Fassung – Putz, Ritzungen und Malereireste – aus der 2.
Hälfte des 16. Jahrhunderts erhalten war. Durch den Einsatz
öffentlicher Mittel und privater Investitionen war es
möglich, diese historische Fassadengestaltung fachgerecht
in Kalk-Fresco-Technik zu restaurieren. Damit wurde eine
Fassadenmalerei aus dem 16. Jahrhundert weitestgehend
unverfälscht wieder erlebbar. Mit der Freilegung und
Restaurierung des bis dahin unbekannten Bäckerwappens,
welches mit der Jahreszahl 1572 versehen ist, erfuhr die
Sammlung von Zunftwappen des Heimatmuseums in Wasserburg
eine Vervollständigung.
Ansichten Restaurierung Schmidzeile 20 und
Schmidzeile 1 / Bild vergrößern (JPG-Datei, ca. 222 KB)
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