Die Stadt am Fluss
Professor Karl Kagerer:
Die Stadt am Fluss - Hochwasserschutz und
Landschaftsgestaltung
Im Jahr 1977 erhielt mein Büro den Auftrag, über einen
genau bezeichneten Bereich auf der linken Uferseite des Inns
einen Grünordnungsplan zu erstellen. Im Rahmen meiner
Nachfragen musste ich feststellen, dass dieser Auftrag ganz
offensichtlich aus einem gewissen Unverständnis heraus
geboren sein musste und am wirklichen Problem völlig vorbei
ging. Ich ging der Sache nach und stellte fest, dass ich in
ein Wespennest getreten war.
Wasserburg wurde damals von periodischen Hochwässern
heimgesucht, die nicht nur über dem Gelände, sondern auch
unterirdisch die Halbinsel durchflössen, das
Kanalisationssystem außer Betrieb setzten und auch
oberirdisch die Altstadt verschlammten.
Das Wasserwirtschaftsamt hatte nun ein Projekt erarbeitet,
das diese Auswirkungen beseitigen sollte.
Ver-ständlicherweise stand bei diesen Überlegungen die
technische Maßnahme im Vordergrund. Das Ergebnis war eine
zum Teil 4 m hohe Hochwassermauer, deren Oberkante über dem
hundertjährigen Hochwasser zu liegen hatte. In der Tiefe
musste sie bis in wasserundurchlässige Schichten reichen.
Durch dieses Bauwerk hätte der Name „Wasserburg“ wieder
seine volle Geltung erhalten.
Die Bürger waren über die vorgesehene Baumaßnahme
verärgert, der Bund Naturschutz erhob Einspruch dagegen.
Das Landesamt für Denkmalschutz meldete Bedenken an.
Derartige Eingriffe in die gewachsene Umwelt haben immer
emotionale Reaktionen der Betroffenen zur Folge. Die Bürger
haben mittlerweile ein sehr feines Gespür dafür
entwickelt, wann eine Gefahr der Beeinträchtigung der
Lebensqualität droht.
Nach den ersten Ortsbegehungen war ich sehr verzagt, weil
ich nicht wusste, wie dieses Problem zu bewältigen sei. Im
Laufe der Zeit kam ich aber letztendlich doch zu
praktikablen Ergebnissen, die nicht zuletzt in einer
ausgezeichneten Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt
begründet waren. Die Lösung war so einfach, dass ich mich
geärgert habe, nicht gleich von Anfang an darauf gekommen
zu sein.
Varianten für den Hochwasserschutz / Grafik vergrößern (JPG-Datei, ca. 111 KB)
Das starre System des Schutzbauwerkes, das ja bis auf
undurchlässigen Grund reichen muss, wurde nun einfach
horizontal auseinandergenommen. Wir haben es gegliedert,
ohne die verbindende Dichtung aufzureißen. Wir haben es
variiert in Mauern und in Wälle, die durch örtliche
Verschiebung reizvolle Alternativen ermöglichten und als
sichtbarer technischer Hochwasserschutz nicht mehr erkennbar
waren.
Das nächste Problem bestand in der Schwierigkeit, dem
Stadtrat, den Behördenvertretern und der interessierten
Bevölkerung diese Lösungsansätze zu vermitteln. Ich habe
deshalb anlässlich einer Bürgerversammlung 3
Dia-Projektoren verwendet, die folgende Erläuterung
gaben.
1.Bild: Lageplan mit Profilangaben heikler Plazierung
2. Bild: Jeweils 4 Schnitte, die folgende Information
vermitteln: Zustand Vorschlag Wasserwirtschaftsamt und d)
Vorschlag Landschaftsplaner mit Alternativen
3. Bild: Jeweilig zutreffendes Landschaftsbild, das den
fachlich meist nicht vorbelasteten Zuhörern alles lesbar
und verständlich machte.
Nach der Veranstaltung sagten alle wieder freundlich
zueinander Aufwiedersehen und man verstand nicht mehr, warum
man so böse aufeinander war, wo sich doch offensichtlich
alles so einfach regeln ließ.
Zwischenzeitlich wurde die Anlage unter der Federführung
des Wasserwirtschaftsamtes realisiert. Im urbanen Bereich,
in dem wenig Fläche zur Verfügung stand, hat man sich
urbaner Ausdrucksmittel, hier der Mauer in unterschiedlich
gestalteten Variationen bedient. In den Bereichen, in denen
mehr Fläche zur Verfügung stand, erscheint vordergründig
der landschaftsnah geschwungene Damm, wo erforderlich,
kombiniert mit Mauerelementen. Wichtig war nur, die vertikal
in den Dämmen eingebrachte Dichtung horizontal mit den
tiefgegründeten Schutzmauern zu verbinden. Somit wurde
weder eine lineare Dammführung, wie das in der Regel bei
Hochwasserdämmen üblich ist, noch eine streng horizontale
Oberkante dieser Schutzeinrichtung dem Betrachter deutlich.
Es bot sich bei dieser Lösung an, erwünschte Wanderwege
dammkronenüberschreitend einmal nach außen, dann wieder
stadtseits nach innen zu führen. Es war ein erlebnisreicher
Wanderweg mit vielfältigen Ausblicken und unterschiedlichen
Neigungen entstanden. Dieser Umgang mit
Hochwasserschutzbauten hatte noch den weiteren Vorteil, dass
durch die Bewegung in der Lage der Erhalt schützenswerter
vorhandener, flussbegleitender Baumbestände möglich
wurde.
Man hat später geschickt verstanden, durch die Anlage
einer sogenannten „Kunstmeile“ den Erlebniswert für die
Benutzer zu steigern. Die Hochwasserschutzmaßnahme ist
mittlerweile zu einer viel benutzen, bürgerfreundlichen
Grünanlage geworden. An die Schwierigkeiten und Probleme
erinnert sich heute kaum noch jemand, alle Mühen sind
vergessen. Die Lösung lag in der Kunst des Weglassens und
der Anwendung harmonischer und unaufdringlicher
Gestaltungsmittel.
Hochwasser 1899. Jetziger Gasthof "Roter Turm" von der
Hofstatt aus gesehen
Der alte Baumbestand konnte erhalten werden
Hochwasserschutz und Uferpromenade
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